Hundert Jahre Jaime Sabines: Der Dichter, der nie um Erlaubnis bat, dir das Herz zu brechen
Es gibt Dichter, die verlangen, dass man sie studiert. Dass man sich hinsetzt, unterstreicht, das Wörterbuch aufschlägt. Und dann gibt es Jaime Sabines, der dich einfach am Kragen packt und sagt: So fühlt es sich an, lebendig zu sein, und es tut weh, und es ist schön, und ich werde mich nicht dafür entschuldigen.
Am 25. März jährte sich sein Geburtstag in Tuxtla Gutiérrez, Chiapas, zum hundertsten Mal. Hundert Jahre. Die Zahl klingt feierlich, institutionell — eine, die mit Zeremonien in Mexikos Abgeordnetenkammer und Reden des Instituto Cervantes einhergeht. Und ja, all das geschah — Luis García Montero sprach darüber, wie Dichtung vom „Ich" zum „Wir" führt, wie die beste Politik poetische Vernunft trägt. Aber das wahrhaft Wilde an Sabines' Hundertjahrfeier ist, dass seine Verse noch genauso funktionieren wie vor einem halben Jahrhundert: wie ein sanfter Faustschlag in den Magen.
Wie viele Dichter können behaupten, dass Menschen sie auf Partys rezitieren? Nicht bei formellen Lesungen, nicht in Amphitheatern mit gedruckten Programmen — auf Partys, Bier in der Hand, um drei Uhr morgens. „Los amorosos" ist zu etwas geworden, das die Literatur übersteigt: ein gemeinsamer Code, eine verbale Tätowierung, die ein halber Kontinent trägt, ohne es geplant zu haben. Öffne Poesía amorosa, und da ist es, so frisch wie am ersten Tag, so unbequem wie eh und je.
Was mich an Sabines fesselt — und was seine Langlebigkeit erklärt, glaube ich — ist, dass er nie ein „professioneller" Dichter im akademischen Sinne war. Er war Abgeordneter. Kaufmann. Er verkaufte Stoffe. Und zwischen all dem schrieb er Horal und Tarumba, zwei Bücher, die die spanischsprachige Lyrik erneuerten — ohne Manifeste, ohne Schulen. Da war keine Pose. Da war Notwendigkeit. Und diesen Unterschied spürt man in jeder Zeile.
Jetzt kommt der Teil, der mich nervös macht: Seine Tochter Judith Sabines bereitet zusammen mit dem Essayisten Marco Antonio Campos die Veröffentlichung von Poemas rescatados vor, einem unveröffentlichten Manuskript mit Texten aus den Jahren 1948 bis 1968. Zwanzig Jahre unbekannter Gedichte von Sabines. Lass mich das wiederholen: Gedichte, die niemand gelesen hat, von einem Dichter, den hundert Millionen Menschen auswendig zitieren. Wenn dich das nicht erschauern lässt, müssen wir reden.
In einer Zeit, in der Lyrik manchmal wie ein Elitesport wirkt — wer in welcher Zeitschrift publiziert, wer welches Stipendium gewonnen hat, wer an welcher Residenz teilnahm — erinnert uns Sabines an etwas Brutales: dass Verse aus dem rohen Leben geboren werden, ohne Netz, ohne intellektuelles Alibi. Wie sein Zeitgenosse Octavio Paz verwandelte er das Spanische von innen, aber wo Paz Kristalllabyrinthe baute, errichtete Sabines Lehmwände mit bloßen Händen.
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