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Der International Booker Prize 2026: Sechs Bücher, sechs Antworten auf dieselbe Frage

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Dani Carrasco
· 3 Min. Lesezeit
Der International Booker Prize 2026: Sechs Bücher, sechs Antworten auf dieselbe Frage

Wie oft kann die Geschichte zerbrechen, bevor jemand die Stücke aufsammelt und daraus einen Roman macht?

Am 31. März gab der International Booker Prize 2026 seine Shortlist bekannt: sechs Bücher, die laut Jury „mit der Geschichte nachhallen" — eine Formulierung, die alles bedeuten kann, von Tolstoi bis zu einem Borges-Meme. Aber die Jury hat unbewusst etwas Richtiges erkannt: Jedes dieser sechs Bücher fragt den Leser, auf welcher Seite der historischen Erzählung er eigentlich sitzt.

Ich fange dort an, wo ich anfangen muss: Der Direktor, der neue Roman von Daniel Kehlmann, übersetzt von Ross Benjamin. Der Roman fiktionalisiert das Leben des österreichischen Filmregisseurs G.W. Pabst — jener Mann, der vor dem Nationalsozialismus nach Hollywood floh, dann aber wegen seiner kranken Mutter zurückkehrte, gerade rechtzeitig, damit ihn das Dritte Reich in seine Propagandamaschinerie einbauen konnte. Er sagte sich, dass Überleben nicht Kollaboration sei. Spoiler: Es ist immer komplizierter. Kehlmann ist einer der schärfsten Erzähler in jeder Sprache, und hier baut er einen moralischen Thriller von beunruhigender Eleganz.

Aber die Liste beschränkt sich nicht auf das kriegsverwüstete Europa.

Taiwan Travelogue der taiwanesischen Schriftstellerin Yáng Shuāng-zǐ (übersetzt von Lin King) vollbringt etwas, das wie narrative Magie wirkt: koloniale Gastronomie in politisches Archiv zu verwandeln. Eine japanische Romancière kommt ins besetzte Taiwan und verbindet sich mit einer einheimischen Dolmetscherin über Essen. Was wie ein Buch übers Essen aussieht, ist eigentlich ein Buch darüber, wer die Dinge benennen darf — und markiert die erste Shortlist-Nominierung einer taiwanesischen Autorin.

Dann ist da noch The Witch von Marie NDiaye, deren frühere Romane bereits bewiesen haben, dass das Schreiben über Hexen und Ränder in Frankreich eigentlich über Rasse, Geschlecht und alles schreibt, was der europäische Liberalismus lieber nicht direkt anschaut. Die Liste vervollständigen The Nights Are Quiet in Tehran (Shida Bazyar), She Who Remains (Rene Karabash) und On Earth As It Is Beneath der Brasilianerin Ana Paula Maia.

Sechs Bücher, sechs Ausgangssprachen, sechs Übersetzungen. Der International Booker bleibt der einzige große Preis, der daran erinnert, dass Literatur nicht nur Englisch spricht. Der Gewinner wird am 19. Mai in der Tate Modern in London bekannt gegeben.

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