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Zwei Amerikas, zwei Bücher, eine Industrie, die nicht Nein sagen kann

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James Whitmore
· 3 Min. Lesezeit
Zwei Amerikas, zwei Bücher, eine Industrie, die nicht Nein sagen kann

Ted Cruz schreibt eine Biographie über Clarence Thomas. Tim Walz, der ehemalige Gouverneur von Minnesota und demokratische Vizepräsidentschaftskandidat des vergangenen Jahres, schreibt Memoiren über den Widerstand seines Bundesstaates gegen die Bundeseinwanderungspolitik. Diese beiden Fakten haben nichts gemeinsam, außer dass sie irgendwann dasselbe Regal teilen werden.

Die politischen Memoiren sind inzwischen ein Genre, das so überfüllt ist, dass es kaum noch als Literatur gilt. Sie sind treffender als eine Verlängerung des Wahlkampfes mit anderen Mitteln beschrieben.

Was beim Fall Cruz-Thomas interessant ist: die biografische Ambition. Große Biographie erfordert so etwas wie Empathie, was nicht immer die erste Eigenschaft ist, die man mit einem amtierenden Senator aus Texas verbindet.

Walz' Ansatz ist schlichter und vielleicht ehrlicher. Politische Memoiren, die aus einer Niederlage entstehen, sind tendenziell interessanter als jene, die aus einem Triumph erwachsen.

Unweigerlich denkt man an die Bücher, die das Genre überdauert haben. Ein amerikanischer Traum von Barack Obama — geschrieben, bevor er Präsident wurde — steht allein unter den modernen politischen Memoiren, weil es nicht von einem Politiker geschrieben wurde, sondern von jemandem, der zufällig einer wurde.

Die eigentliche Frage ist nicht, ob Cruz' Biographie oder Walz' Memoiren gut sein werden. Es ist die Frage, was es bedeutet, dass der amerikanische Buchmarkt weiterhin Vorschüsse an Menschen zahlt, deren wichtigste Qualifikation darin besteht, irgendwann einmal für ein Amt kandidiert zu haben. Vielleicht ist das, auf seine eigene Weise, eine Form von Demokratie. Oder vielleicht, wie Dickens bemerkt hätte, schlicht Handel mit besserem Cover-Design.