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Rodrigo Rey Rosas ‘Animal Colonial’: Die Dystopie, die keine Fantasie braucht

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Valentina Ríos
· 3 Min. Lesezeit
Rodrigo Rey Rosas ‘Animal Colonial’: Die Dystopie, die keine Fantasie braucht

Ich habe eine Theorie: Die Bücher, die wir am meisten brauchen, sind diejenigen, die wir am längsten aufschieben. Animal Colonial, der neue Roman von Rodrigo Rey Rosa, starrte mich drei Tage lang vom Schreibtisch an, bevor ich den Mut fand, anzufangen.

Es ist nicht Rey Rosa, der Angst macht. Es sind die Bücher, bei denen man schon vor dem Lesen weiß, dass sie recht haben werden — die brauchen Mut.

Der guatemaltekische Schriftsteller — Träger des Iberoamerikanischen Literaturpreises José Donoso und des Nationalen Literaturpreises Guatemalas — hat seine gesamte Karriere damit verbracht, Fiktionen zu bauen, die wie Berichte wirken. Seine Romane hatten immer diese Schärfe einer kaum verkleideten Realität. Mit Animal Colonial geht Rey Rosa weiter: Er führt uns in ein dystopisches Megagefängnis, wo Freiheitsträume nicht plötzlich sterben. Sie sterben langsam, wie ein gefangenes Tier, das aufhört zu kämpfen.

Der Roman erscheint in einem Moment, in dem die Realität jede dunkle Fantasie längst überholt hat. Megagefängnisse liegen in mehreren lateinamerikanischen Ländern im Trend. Strafvollzugssysteme rehabilitieren nicht; sie klassifizieren, containern, monetarisieren. Rey Rosa muss nichts erfinden: Es genügt zu beobachten, zu transponieren, dem Bestehenden einen literarischen Namen zu geben.

Seine Prosa ist, was sie immer war: nüchtern, chirurgisch, ohne Mitleid. Das Handwerk lernte er an der Seite von Paul Bowles in Tanger, und diese Lektion in Stille und Ökonomie zeigt sich in jeder Zeile. In Animal Colonial wird diese Zurückhaltung selbst zum Erzählmittel: Die Kälte des Erzählers ist Teil des Grauens. Kein rhetorisches Mitgefühl. Nur Präzision.

Ich denke an García Márquez, der über kolumbianische Gewalt mit jenem Mix aus Schönheit und Grausamkeit schrieb, der eine ganze Art des Erzählens auf dem Kontinent geprägt hat. Rey Rosa erbt diese Spannung, trägt sie aber in nüchterneres Terrain. Hier keine Übertreibung. Die Übertreibung ist bereits die Wirklichkeit selbst.

Animal Colonial ist das Buch, nach dem man mit jemandem sprechen möchte. Nicht um etwas zu lösen — der Roman löst nichts, und das ist seine Tugend — sondern um zu bestätigen, dass das Gelesene so verstörend war, wie es schien. Wer sich für zeitgenössische lateinamerikanische Literatur interessiert, wer von einem Buch bewegt wurde, das sich weigert zu trösten: Sucht diesen Roman.

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