Die preisgekrönte Geschichte in Granta wurde höchstwahrscheinlich von einer KI geschrieben
Eine Frage zunächst: Kann ein Text einen Literaturpreis gewinnen, wenn ihn kein Mensch geschrieben hat?
Die Commonwealth Foundation, die Kurzgeschichtenpreise in Partnerschaft mit Granta vergibt, hat nun eine Antwort geliefert, wenn auch unbeabsichtigt: Offenbar ja, solange es niemand rechtzeitig bemerkt.
„The Serpent in the Grove“, eingereicht von Jamir Nazir als karibischer Regionalfinalist beim Commonwealth Short Story Prize, erhielt zunächst das Lob der Organisation. Dann kam Pangram, ein KI-Schreiberkennungstool, das laut seinen Entwicklern mit 99% Genauigkeit arbeitet. Sein Urteil über die Geschichte: 100% Warnsignale. Die Parallelkonstruktionen, Epipher und Dreierlisten, die große Sprachmodelle bevorzugen, tauchten überall auf. Wharton-Professor Ethan Mollick sezierte den Text öffentlich auf Bluesky. Die Foundation kündigte an, ihren Auswahlprozess zu überprüfen. Ebenso Granta.
Jamir Nazir existiert online mit der minimalen Präsenz von jemandem, der vielleicht gar nicht wirklich existiert: ein LinkedIn-Profil, das ihn als „KI-Evangelisten“ beschreibt, eine selbst veröffentlichte inspirationale Gedichtsammlung aus 2018, und kaum sonst etwas.
Bevor man in empörten Skandal verfällt: Was mich interessiert, ist nicht die Frage, ob Nazir „betrogen“ hat — das ist Sache der Veranstalter und Regeln. Es ist die seltsamere Frage darunter: Was bedeutet es, dass eine KI einen Text schreiben kann, den menschliche Juroren gelesen, bewertet und in die Endauswahl aufgenommen haben? Das ist keine Maschine, die einen Erkennungsalgorithmus täuscht. Sie täuschte aufmerksame Leser. Menschen, deren Beruf sorgfältiges Lesen ist.
Borges — Hochkultur-Referenz, wie versprochen — schrieb 1941 über einen Mann, der den Quijote Wort für Wort neu schrieb, und dieser Akt galt als radikal original. Nun kehrt sich die Frage um: Was passiert, wenn der Text existiert, der Autor aber entbehrlich oder nicht vorhanden ist?
Das System hat versagt. Nicht weil KI gut schreibt — das tut sie, technisch gesehen — sondern weil niemand die Werkzeuge oder Protokolle hatte, um es zu verdächtigen. Lesen Sie in der Zwischenzeit die besten menschlichen Kurzgeschichtenautoren, die Sie finden können. Die lebendigsten, die seltsamsten, die Sie nie mit einem Algorithmus verwechseln würden.
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