Der Papst, Gandalf und die Maschinen: Leo XIVs unwahrscheinliches literarisches Manifest
Es gibt eine Tradition, in bestimmten Ecken des Internets Tolkien zu zitieren, als hätte er ein Selbsthilfebuch geschrieben. Man findet ihn auf Motivationspostern, in Reddit-Threads über Ausdauer, in Reden auf Unternehmens-Retreats. Papst Leo XIV. hat nun, auf durchaus großartige Weise, Neuland betreten, indem er die Gemeinschaft des Rings gegen die künstliche Intelligenz ins Feld schickt.
Das gewählte Zitat stammt von Gandalf aus Die Rückkehr des Königs: «Es ist nicht unsere Aufgabe, alle Gezeiten der Welt zu beherrschen, sondern das zu tun, was in unseren Kräften steht zum Beistand der Jahre, in die wir gesetzt sind.» Der Papst nutzte es, um zu argumentieren, dass die Menschheit sich auf das konzentrieren sollte, was sie tatsächlich kontrollieren kann — lokale, humane, gerechte Antworten auf KI — statt zu versuchen, den gesamten technologischen Sturm von oben zu steuern.
Das ist, wie sich herausstellt, ein ziemlich guter Rat. Leo XIVs Enzyklika befasst sich mit etwas Einfachem, aber Wichtigem: dem Risiko, dass KI, wenn sie von privaten Unternehmen mit Ressourcen eingesetzt wird, die «die vieler Regierungen übersteigen», neue Formen der Ausgrenzung schafft — bei Beschäftigungsentscheidungen, beim Zugang zu Krediten, bei öffentlichen Diensten — wo automatisierte Systeme nicht zwischen Daten und Menschen unterscheiden können.
Was Tolkien hinzufügt, ist keine Strategie. Gandalf ist kein Unternehmensberater. Was er hinzufügt, ist das Bewusstsein, dass man sich in einer Geschichte befindet, die größer ist als man selbst. Man beherrscht die Gezeiten nicht. Man tut, was der Moment erfordert, wo man steht. Tolkien schrieb jene Passage im langen Schatten des Zweiten Weltkriegs. Gandalf sagt sie zu erschöpften Figuren, die unsicher sind, ob ihr Handeln überhaupt zählt. Der Papst deutet vielleicht an, dass wir uns in einer ähnlichen Lage befinden.
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