Was die Flüsse von Robert Macfarlane wissen und wir vergessen haben
Ich erinnere mich, einmal am Ufer des Ebro gestanden und ihn bei Tagesanbruch durch Zaragoza ziehen gesehen zu haben, und gedacht zu haben, dass der Fluss dauerhafter wirkte als die Stadt darum herum. Die Gebäude würden vergehen, wie Gebäude das tun. Der Fluss würde einfach weiterfließen.
Sind Flüsse lebendig? von Robert Macfarlane — erscheint in diesem Juni als Taschenbuch neben neuen Werken von André Aciman, Melissa Febos und Catherine Lacey — geht von einer verwandten Intuition aus: dass Flüsse keine zu verwaltenden Objekte sind, sondern Subjekte in einem Sinne, den wir noch nicht gelernt haben zu artikulieren. Das Buch, das in der gebundenen Ausgabe wochenlang auf der Bestsellerliste des ‘Sunday Times’ stand, folgt Macfarlane zu Flüssen, denen Rechtspersonlichkeit zuerkannt wurde — in Ecuador, Indien und anderswo — und fragt, was es bedeutet, wenn ein Rechtssystem einen Wasserkorper als etwas anerkennt, das Rechte haben kann.
Dies ist charakteristisches Macfarlane-Territorium. The Old Ways, Underland, Landmarks — sein Werk hat sich immer zwischen dem Persönlichen und dem Geologischen bewegt, zwischen lyrischer Prosa und Naturwissenschaft. Die Frage in diesem neuen Buch ist älter als die Philosophie: Was lebt? Aber Macfarlane nähert sich ihr weder als Wissenschaftler noch als Mystiker. Er nähert sich ihr als Schriftsteller, der geht.
Tove Jansson, die jahrzehntelang auf einer Insel vor der finnischen Küste lebte, schrieb einmal darüber, wie das Meer immer vor einem da war und nach einem da sein würde, und wie das es gleichzeitig tröstlich und vernichtend machte. Macfarlanes Flüsse tragen etwas vom selben Gewicht. Sie sind älter als jede menschliche Besitznahme. Ihr Wissen, wenn wir ihnen dieses Wort zugestehen, ist geologisch.
Was mich an der Taschenbuchveröffentlichung dieses Buches beeindruckt, ist wie präzise es in einem Moment erscheint, in dem Umweltrecht — Flüsse mit Rechtsstatus, Wälder mit Rechten — vom Rand in den mainstream rechtlichen Diskurs rückt. Das Buch ist kein Argument. Es ist eine Meditation. Der Unterschied zählt.
Wenn Flüsse lebendig sein können, kann es ein Buch? Die Frage klingt für trivial. Vielleicht ist sie es nicht.
Leseempfehlungen
Schlagwörter