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Den Toten ein Gesicht geben: Margaryta Yakovenkos dringende Chronik

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Valentina Ríos
· 3 Min. Lesezeit
Den Toten ein Gesicht geben: Margaryta Yakovenkos dringende Chronik

Manche Bücher bitten nicht darum, gelesen zu werden. Sie verlangen es. Sie greifen einen mitten in der Nacht am Arm und lassen einen erst los, wenn man die letzte Seite gelesen hat — und selbst dann spürt man noch das Gewicht ihrer Worte in der Brust. Ocupación, die neue Chronik der ukrainischen Journalistin und Schriftstellerin Margaryta Yakovenko, die diesen Frühling in Spanien erschienen ist, ist genau so ein Buch: dringend, notwendig und unbequem auf die ehrlichste Art.

Yakovenko dokumentiert seit vier Jahren den Krieg, den Russland über ihr Land gebracht hat. Nicht aus der antiseptischen Distanz der Korrespondentin, die aus dem Hotel berichtet, sondern von innen: Familienchronik, Zeugnis derer, die Nachbarn, Eltern und ganze Städte verlieren. Ihr Leitsatz passt in einen Tweet, wiegt aber wie ein Stein: "Es ist wichtig, den Toten der Kriege ein Gesicht zu geben." Das tut Ocupación, Seite für Seite — es gibt Gesichter, Namen und spezifische Geschichten zurück an das, was die Nachrichten in Statistiken verwandeln.

Ich erinnere mich an das erste Mal, als ich Sofi Oksanen las und spürte, dass Literatur etwas kann, was Journalismus nicht kann: in die Haut derer zu schlüpfen, die eine Besatzung erleiden, nicht nur darüber zu berichten. Purga traf mich wie ein als Fiktion verkleideter Realitätsstoß, der das sowjetisch besetzte Estland in eine kollektive Wunde verwandelt. Ähnliches passiert mit Ocupación. Die Wut ist da. Die Verzweiflung auch. Vor allem aber ist da die Präzision — das Detail, das vor dem Vergessen rettet.

In El parque de los perros kehrt Oksanen zu jenen Territorien familiärer Erinnerung und generationsübergreifenden Traumas zurück. Yakovenko tut etwas Ähnliches für die Ukraine: Sie rettet das Alltägliche und macht daraus ein lebendiges Archiv.

Das ist kein leichtes Buch, und das sollte es auch nicht sein. Was ich versprechen kann: Wenn Sie fertig sind, werden die Toten dieses Konflikts keine Zahl mehr in den Nachrichten sein. Sie werden ein Gesicht gehabt haben. Und das ist in diesen Zeiten bereits ein politischer Akt.

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