Carlos Labbé schrieb den Fußballroman, den niemand wusste, dass er ihn wollte
Ich erinnere mich, irgendwo gelesen zu haben, dass die besten Fußballtexte eigentlich gar nicht vom Fußball handeln — sie handeln von dem kollektiven Sehnen nach etwas, das sich nicht individuell besitzen lässt, von jenem leicht beängstigenden Moment, in dem elf Menschen vorübergehend zu einer einzigen Sache werden können. Carlos Labbé hat offenbar über dieselbe Frage nachgedacht. Und er hat Psychokräfte hinzugefügt.
La parvá — ursprünglich 2015 auf Spanisch erschienen, jetzt in Will Vanderhydens englischer Übersetzung als The Murmuration — spielt rund um das WM-Halbfinale 1962 zwischen Chile und Brasilien, ein Spiel, das fünfzehn Jahre vor Labbés Geburt stattfand, in einem Land, das noch dabei war zu entscheiden, was es sein wollte.
Die Erzählstruktur wechselt zwischen einer kollektiven ersten Person — die Mannschaft, die Nation, die Menge als Organismus — und Einzelstimmen, die unterbrechen. Der längste Abschnitt setzt auf maximalistische Prosa mit ausführlicher Spielbeschreibung, die Art von Schreiben, die das Gewicht von achtzigtausend Menschen spürbar macht, die im selben Moment dasselbe wollen. Und dann ist da der psychische Kommentator: eine Figur, die Schwärme von Geschöpfen auf die Menge lenken kann, was Labbé als kollektive Ekstase beschreibt.
El Aleph von Borges, jener Punkt im Raum, der alle anderen Punkte gleichzeitig enthält, wirkt wie ein Vorfahre dieses Romans. Der Schatten von 1973 — der Putsch, das Stadion als Gefängnis — lastet auf dem Buch, ohne benannt zu werden.
Ist es ein Fußballroman? Ja, so wie Moby Dick ein Roman über die Fischerei ist. Das heißt: vollständig, und überhaupt nicht.